Ein Rückblick auf unsere Trance & Faszien-Dialoge Fortbildung mit Dr. Godehard Stadtmüller und Bernd Scharwies
Was geschieht, wenn sich zwei Wege der Begleitung begegnen: die hypnotherapeutische Arbeit mit Sprache und Imagination und die achtsame, tiefe Faszienberührung des Rebalancing? Dieser Frage widmete sich unsere Fortbildung „Zwischenräume: Werde, der du bist“.
Therapeutische Trance kann eine besondere Tiefe entfalten, wenn sie mit sanfter Berührung oder achtsam geführter Bewegung verbunden wird. Sprache, innere Bilder und Berührung wirken dann zusammen: Die Körperwahrnehmung wird zur Ressource, das Vertrauen vertieft sich, und die Bereitschaft wächst, sich auf innere Entwicklungsprozesse einzulassen. Voraussetzung dafür sind ein klarer, sicherer Rahmen, eine innere Haltung von Ruhe, Präsenz und Sicherheit auf Seiten der Begleitenden und sorgfältig strukturierte Techniken. Wie wichtig gerade der Schutz ist, zog sich wie ein roter Faden durch das ganze Seminar.
Faszien-Dialoge im Zwischenraum
Ein Dialog kann sich durch Worte vollziehen, durch Berührung, durch Gefühle und durch Bedeutungen. Auch unser Körper ist ein Raum. Gefühle verorten wir gewöhnlich im Inneren, so haben wir es gelernt: Es gibt ein Innen und ein Aussen.
Doch wo treffen sich Innen und Aussen? Nicht an einer Linie, denn eine Linie im mathematischen Sinn hat keine Ausdehnung, und dort gäbe es kaum Möglichkeiten für Veränderung. Sie begegnen sich in einem Zwischenraum. Er mag sehr klein sein, aber er ist ein Raum, und in ihm kann sich etwas verändern. Mit Worten lässt er sich nur annähernd beschreiben. Und doch ist er der Ort, an dem Begegnung und Veränderung geschehen.
Weil dieser Raum wenig Schutz bietet, braucht es Behutsamkeit. Spreche ich eine Faszie mit dem Finger zu hart an, antwortet der Körper oft mit Gegenspannung: Muskel und Faszie spannen sich an, das Gewebe wird fester statt freier. Bin ich zu sanft, geschieht vielleicht gar nichts. Für diesen Zwischenraum gibt es keine vollkommene Technik, wohl aber eine Grammatik, die sich üben und verfeinern lässt: von aussen, wenn die Hand auf die Gewebeschichten und Gelenke zugeht, und von innen, wenn ein Mensch seinen Willen oder ein Gefühl so in den Zwischenraum einlädt, dass sich Verhärtetes verflüssigt oder zu Weiches wieder Halt gewinnt. Wo sich beides begegnet, entsteht der Faszien-Dialog.
Gregory Bateson beschrieb Information als „einen Unterschied, der einen Unterschied macht“. Im Zwischenraum geht es um einen Unterschied, der diesen Namen verdient: einen existenziellen Unterschied, einen Unterschied im Erleben.
Uns beschäftigte dabei die Frage, wie wir die Menschen, die zu uns kommen, noch tiefer begleiten können, um Körper, Geist und Seele gleichermassen zu berühren. So lernten wir, Gespräch und Kommunikation stärker in die Behandlung einzubeziehen, mit Bescheidenheit, aber auch mit Entschlossenheit. Immer wieder erleben wir, wie tief diese Begegnung reichen kann. Nach einer Rebalancing-Sitzung stehen viele anders auf, als sie sich hingelegt haben: geklärter, aufgerichteter und oft auch klarer im Kopf.
Werde, der du bist
Der Titel unserer Fortbildung geht auf den griechischen Dichter Pindar zurück: „Werde, der du bist, indem du es erkennst.“ C. G. Jung gab diesem Gedanken später einen Namen aus der Psychologie: Individuation, den Prozess der Selbstwerdung. Das Individuum, wörtlich „das Unteilbare“, ist nichts Fertiges, sondern ein Prozess.
Pindar gibt selbst den Hinweis: indem du es erkennst. Selbstwerdung geschieht durch Erfahrung und Erkennen, dort, wo Innen und Aussen einander begegnen: im Zwischenraum. Unter einer achtsamen Hand darf ein Mensch erfahren, wer er ist, und ein Stück mehr der werden, der er schon immer war.
Schutz als Voraussetzung
Ein Erfahrungsraum lebt davon, dass ich mir erlaube, mich auszuprobieren, mich verletzlich zu zeigen und auch zu scheitern. Dafür braucht es vor allem Schutz. Wir müssen keine „archäologischen Probebohrungen“ in der Lebensgeschichte vornehmen. Solange ein Mensch sich nicht ausreichend geschützt fühlt, bleibt das, was ihn bewegt, oft ein Rätsel. Erlebt er genügend Schutz, öffnet sich vieles wie von selbst, wie ein Buch, in dem er plötzlich lesen kann.
Bemerkenswert ist: Zu viel Schutz gibt es nicht. Es gibt Überfürsorge, die klein macht. Doch echter, verlässlicher Schutz kann nie zu gross sein.
Das Nibelungenlied zeigt, warum: Siegfried badet im Drachenblut und wird unverwundbar, nur zwischen seinen Schultern, wo ein Lindenblatt lag, bleibt er verletzlich. Das Leben hat uns alle ein Stück gehärtet. Doch jeder von uns hat eine solche Stelle. Das zu wissen, kann befreiend sein, und es braucht Mut, sie zu zeigen.
Für viele Menschen hat Schutz auch eine spirituelle Dimension. Jesus erzählt von einem Mann, der mitten in der Nacht bei seinem Freund um Brot bittet und so lange anklopft, bis ihm geöffnet wird (Lukas 11,5–8). Der Schutz, den wir suchen, darf grösser sein als das, was wir selbst geben können. Wir dürfen darum bitten, immer wieder.
Und Dr. Stadtmüller erinnerte daran: „Wenn wir über Schutz für andere sprechen, sprechen wir immer auch über den Schutz für uns selbst. Diese Nebenwirkung ist nicht gering.“
Präsenz und Feinfühligkeit
Präsenz bedeutet, ganz da zu sein: Wo steht dieser Mensch gerade? Was braucht er jetzt? Godehard Stadtmüller erzählte, dass er den Satz „Der Patient ist nicht motiviert“ nicht mehr hören wollte. Die bessere Frage lautet: Wie kann ich ihm helfen, motiviert zu sein?
Oft zeigt der Körper, wo die Kraft eines Menschen liegt: Spricht jemand über das, was ihn bewegt, entspannen sich die Schultern, die Augen werden lebendig, die Wangen röten sich. Dort liegt eine Ressource. Und wo körperliche Berührung nicht möglich ist, können wir einem Menschen emotional nahekommen, etwa mit einem einfachen Satz in einer Atempause: „Ich bin berührt, wie viel Leidenschaft ich bei dir spüre.“ Entscheidend ist der richtige Moment, der Kairos, und dass wir nur tun, was ein Mensch auch möchte.
Manchen, die mit Menschen arbeiten, fehlen im entscheidenden Moment die Worte, weil sie zu sehr bedenken, was diese bewirken könnten. Diese Vorsicht ist wertvoll: Ein feinfühliger Mensch ist in der Begleitung viel hilfreicher als einer, der Grenzen überrennt. Steht sie aber der Spontaneität im Weg, gilt: Die Feinfühligkeit bleibt, die Spontaneität dürfen wir dazunehmen.
Eine neue Haltung setzen
Grundhaltungen bestimmen, wie wir die Welt wahrnehmen. Daraus entstehen Gefühle und Urteile, daraus unser Handeln und zu einem grossen Teil unser Schicksal.
Über solche Einstellungen zu diskutieren, ist sinnlos: Wer sie hat, findet immer neue Beweise für sie. Selbst eine Haltung wie „Ich bin wertlos“ war einmal ein Überlebensprinzip. Ein Kind, das immer wieder abgewertet wird, macht sich die Welt damit verständlich. Deshalb bekämpfen wir solche Haltungen nicht. Wir würdigen sie sogar, denn manchmal ist gerade die Bejahung die Eintrittspforte zur Veränderung.
Stattdessen setzen wir eine neue Haltung daneben und machen sie so stark, dass sie die alte überragt, wie eine Linde, neben der ein Gänseblümchen den Raum nicht mehr bestimmt. Eine neue Haltung besteht aus zwei Teilen: einem Satz in den eigenen Worten, etwa „Ich bin okay“, und der Kraft dahinter, unseren Grundgefühlen. Wie bei einem Bogen gibt der Satz dem Pfeil die Richtung, das Gefühl die Spannung der Sehne. Und dem verletzten Kind von damals darf der erwachsene Mensch freundlich sagen: „Jetzt ist nicht damals. Jetzt nehme ich das in die Hand.“
Dem Gefühl nahekommen
Bevor wir einem Gefühl nahekommen, müssen der Kontakt sicher und der Schutz gross genug sein. Dann genügt oft die Frage: „Spürst du es irgendwo im Körper?“ Vielleicht zeigt ein Mensch auf eine kleine Stelle am Brustbein. Wir fragen nicht, warum gerade dort. Die Weisheit des Körpers hat sie gefunden.
Wir gehen langsam vor und nehmen uns bei Widerstand sofort zurück. Auch kleine Formulierungen schaffen Sicherheit: „Du kannst die Augen offen lassen oder schliessen, wie es für dich stimmt.“ Ein Mensch kann seine eigene Hand auf die Stelle legen und hineinatmen. Wenn er es möchte, verstärkt die begleitende Hand behutsam den Druck auf seine Hand, an sensiblen Stellen nie direkt. So werden wir zu körperlichen Verbündeten gegen den inneren Zensor. Zum Schluss kann der neue Satz mit tiefem Atem und lauter Stimme ausgesprochen werden.
Entscheidend ist nicht, was die Begleitenden senden, sondern was beim Gegenüber ankommt. Was ein Mensch erlebt, wird zu seiner Wirklichkeit.
Wie wirklich ist die Wirklichkeit?
Manche Menschen erleben die Welt wie durch ein Milchglas: „Ich war im Urlaub, es war ganz schön, aber irgendwie doch nicht so.“ Das muss nicht so bleiben. Paul Watzlawick fragte, wann wir die Wirklichkeit als wirklich erleben, und Richard Bandler und John Grinder fanden eine einfache Antwort: Je mehr Sinne beteiligt sind, desto wirklicher erleben wir.
Die Eselsbrücke dafür heisst VAKOG: visuell, auditiv, kinästhetisch, olfaktorisch, gustatorisch. Zu diesem „VAKOG plus“ gehören auch das Raumerleben, die Atmosphäre und vor allem die Emotion: Momente mit starken Gefühlen prägen sich für immer ein. Für die Verankerung einer neuen Haltung reichen oft zwei oder drei dieser Kanäle. Soll sie besonders stark werden, beziehen wir alle ein.
Der Dialog der Hände
Nicht alles muss ins Bewusstsein. Wenn sich etwas zeigen soll, zeigt es sich unter hohem Schutz. Und wenn es sich einfach auflöst, ohne bewusst zu werden, umso besser: Der Körper merkt, dass etwas leichter wird.
Genau hier setzt Rebalancing an. Die Hände gehen in Dialog mit dem, was im Körper ist, und eine Lösung kann sich entwickeln, ohne dass Klientin oder Begleiter sie benennen müssten. Das ist kein Mangel, im Gegenteil.
Die hypnotherapeutischen Übungen des Seminars, die Nähe und Distanz miteinander verbindet, ersetzen Rebalancing nicht, aber sie ergänzen es gut. Und vielleicht geschieht in mancher Rebalancing-Sitzung ohnehin schon eine solche Veränderung des Bewusstseins. Beobachten wir Menschen auf der Liege, haben wir manchmal genau diesen Eindruck.
Stimmen aus dem Seminar
„Der intensivste Moment war für mich die Berührung, bei der ich zum ersten Mal gespürt habe, wie es ist, nachzugeben und zu sinken, nicht mit Kraft dazustehen. Ich glaube, das ist auch sonst der Weg. Mit Kraft kommt man nirgendwo hin, auch nicht in den Beratungen, die ich führe. Ich wünsche mir, diese Präsenz in meine Arbeit mitzunehmen.“
„Ich bin zutiefst beeindruckt von der kompromisslosen Wertschätzung für innere Blockaden und Schutzmechanismen. Das hat etwas unglaublich Liebevolles und knüpft nahtlos an das an, was ich im Rebalancing erfahre. Wenn ich das zulasse, sinkt die Arroganz, und Mitgefühl entsteht.“
„Seit Wochen hatte ich starke Schmerzen in Schulter und Nacken. Es ging nicht um Erfahrung, sondern um die Absicht und die liebevolle Haltung. Nach vierzig Minuten Berührung ohne Druck war der Schmerz für mich weg.“
„Besonders inspiriert hat mich das Thema Schutz. Ich merke, wie gut es meinem Nervensystem tut, einen geschützten Raum zu haben. Das nehme ich mit in meine Praxis.“
Ob bei seelischen, psychosomatischen oder körperlichen Beschwerden: Viele Menschen profitieren davon, ihren Körper als Ganzes geschützt wahrzunehmen, nicht als Ort des Problems, sondern als sicheren Raum voller Kraft und Ressourcen. Bewusst eingesetzte Sprache und Stimme können diesen Weg unterstützen. Wir danken Dr. Godehard Stadtmüller und allen Teilnehmenden für diese inspirierenden Tage.